Thonet – Industrielle Produktion

Die Londoner Weltausstellung (1851)

Weltausstellung London 1851 – Kristallpalast

Am 1. Mai 1851 wurde in der „Kristallpalast“ genannten Halle im Londoner Hyde Park die erste Weltausstellung eröffnet. 

Sie präsentierte Erzeugnisse der zeitgenössischen Industrieproduktion, vor allem des Kunstgewerbes, und ging in die Wirtschafts- und Industriegeschichte als das erste und bedeutendste Forum für Neuerungen in Form und Technik ein. Mehr als sechs Millionen Menschen besuchten die Ausstellung.

Michael Thonet traf bereits im August 1850 Vorbereitungen für die Teilnahme. Er zeigte in London erstmals ein Ensemble aus Stuhl (österr. Sessel), Sitzbank (österr. Canapé) und Armlehnstuhl (österr. Fauteuil). In der Ausstellerliste wird er mit sechs Sesselmodellen, zwei Fauteuils, einem Canapé, zwei Tischen, einem Nähtisch sowie zwei Lesetischen und zwei Etageren geführt. Aus der gezeigten Garnitur entwickelte er das spätere Serienmodell Nr. 9 und die in der Beinkonstruktion vereinfachte Nr. 5. Beide Ausführungen bot Thonet bis Mitte der 1870er Jahre nebeneinander an. Spätestens 1883 wurde die Nr. 9 aus dem Programm genommen. Die Möbel waren und sind ausgesprochen luxuriös. Thonet verarbeitete Palisanderholz und versah fast alle Teile mit eingesetzten Messingstreifen, die Tischplatten mit kunstvollen Einlegearbeiten in Schildpatt, Messing und Perlmutt.

Die Exponate erregten bei Publikum und Kritikern allgemeine Aufmerksamkeit und großes Lob. Sie wurden von der Ausstellungskommission mit einer Bronzemedaille, der höchsten Auszeichnung für Industrieprodukte, geehrt.

Nach Ablauf der Exposition erwarb sie der Architekt Desvignes, Thonets Freund und Förderer in Wien, für seinen englischen Landsitz. Nach dessen Tod 1883 gelangten sie wieder in Thonet’schen Familienbesitz.

Industrielle Möbelproduktion (ab 1856/59)

Thonet Werk in Koritschan, Mähren

Bereits einige Monate vor Erhalt seines Privilegs, Möbel aus massiven gebogenen Holzteilen zu fertigen, fasste Michael Thonet den Entschluss, der Raumnot und dem ständig wachsenden Holzbedarf durch die Gründung einer neuen Fabrik zu begegnen.

Im mährischen Koritschan fand er einen Ort mit reichen Buchenwaldbeständen. Hier standen auch ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung und die nächste Bahnstation lag nur wenige Kilometer entfernt.

Thonet und seine Söhne fertigten gemeinsam die Pläne für die neue Fabrik an und überwachten den Bau. Sie nutzten die bei Carl Leistler gesammelten Erfahrungen im Umgang mit selbst erstellten Holzbearbeitungsmaschinen und konstruierten die erforderlichen Maschinen selbst.

1857 war die Anlage fertiggestellt, sodass die Produktion allmählich von Wien dorthin verlegt werden konnte. Innerhalb der nächsten Jahre wurde die Schichtverleimung gänzlich zugunsten der massiven Bugholztechnik aufgegeben.

Bereits drei Jahre später war die neue Anlage der ständig steigenden Nachfrage nicht mehr gewachsen. Selbst der zunächst als unerschöpflich geltende Holzvorrat schwand, sodass die Firma neue Holzlieferverträge schließen musste. Um Transportkosten zu vermeiden, errichtete Thonet im 50 Kilometer entfernten Bistritz eine weitere Fabrik. Die Jahresproduktion der beiden Fabriken stieg in den kommenden Jahren immens; in Koritschan lag sie 1857 bei 10 113 Stück, in Bistritz 1862 bei 17 961 allein hier stieg sie 1865 auf 95 000 Stück bei einer Gesamtproduktion von 150 000 Möbeln. 

Bildergalerie der Thonet-Werke

Es folgten weitere Werksgründungen im oberungarischen Groß-Ugrocz (1865), im mährischen Hallenkau (1867) und in Westin (1871).

Parallel zur Ausweitung der Produktion wurden weltweit eigene Verkaufsniederlassungen eröffnet. Bei Michael Thonets Tod existierten solche in Amsterdam, Berlin, Brünn, Brüssel, Budapest, Genf, Hamburg, Hoek, Linz, London, Paris, Pest und Rotterdam. Bereits 1873 gründete die Firma Verkaufshäuser in New York und Chicago.

Die letzten schichtverleimten Modelle

Verkaufsplakat 1859

Auf dem um 1860 gedruckten ersten Verkaufsplakat der Firma Thonet sind insgesamt 26 Serienmodelle aus Bugholz abgebildet:

14 verschiedene Sessel, fünf Fauteuils, ebenso viele Canapés sowie zwei Tische. Je fünf miteinander harmonierende Sessel, Fauteuils und Canapés bilden Garnituren.

Neu sind die den Modellen zugewiesenen Typennummern. Der typische Stützring für die aus massiven Hölzern gefertigten Modelle fehlte noch. Stattdessen vergrößerten kleine Zierkapitelle die Auflagefläche zwischen Bein und Sitz. Einige Modelle weisen massive Vorderbeine auf, die in den Sitzrahmen eingeschraubt sind. Andere, Nr. 6 und 13, haben noch die alte „Liechtenstein’sche“ Beinkonstruktion mit starr verleimten Bogenstellungen. Der Konsumsessel Nr. 14 wurde zum ersten Mal mit aufgeschraubtem schichtverleimtem Lehnbogen angeboten.

Bei allen oben genannten Modellen wurden Einzelteile vermutlich schon massiv gebogen. Die meisten Partien waren jedoch noch schichtverleimt. Die kurze Beschreibung der Möbel auf dem Plakat weist auf die Verschraubung, die Zerlegbarkeit und den dadurch platzsparenden Transport hin.

Gebrüder Thonet nach 1871

Werk Nowo Radomsk, eröffnet 1880

Am 3. März 1871 starb Michael Thonet. Söhne und Enkel betrieben die Geschäfte erfolgreich weiter.

In den Folgejahren entstanden neben neuen Verkaufshäusern drei neue Fabriken: 1872 die Fabrik im mährischen Westin mit zwei Filialen, 1880 die Fabrik im polnischen Nowo-Radomsk, 1889 die bis heute in Frankenberg (Eder) bestehende Fabrik, sowie sechs Dampfsägen und einige Filialen von Bistritz.

Unter den nach 1871 in Produktion gehenden klassischen Stuhltypen verdient Modell Nr. 18 besondere Erwähnung, weil es in der Gastronomie neben dem 14er zum Verkaufsschlager wurde. Es fand als „Südamerikanersessel“ auch Anklang in Lateinamerika.

Sessel Nr 56
Sessel Nr. 56, um 1900,

Eine neue Serie vereinfachter Stuhltypen, deren Hinterbeine und Rückenlehne nicht wie bisher aus einem Teil, sondern aus dreien bestehen, kam um 1886 ins Programm. Stuhl Nr. 56 und Variationen dieses Modells wurden sehr erfolgreich.

Die Garnitur Nr. 51 mit diagonal versteifter Beinkonstruktion ist vermutlich ein Entwurf August Thonets, eines Sohnes Michaels. In ihr kommt sein technisches Denken zum Ausdruck. Bereits zu Lebzeiten Michael Thonets zählte die Konstruktion neuer Maschinen zu den Aufgaben des Sohnes. Er rationalisierte wichtige Biegevorgänge, konstruierte unter anderem eine Maschine zum Biegen der Sitzringe und ließ 1877 als Alternative zum Rohrgeflecht die ersten Furnierholzsitze fertigen.

Einige Anmerkungen zu besonderen Modellen

Die beiden Stühle unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten: Der linke hat eine geflochtene Sitzfläche, während die des rechten gepolstert ist. Wichtiger aber ist, dass der rechte Stuhl einen sogenannten Fußring aufweist. Er wurde zwischen die Stuhlbeine geschraubt und erhöhte so die Stabilität. Dies stellt einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Bugholzstühle dar. Allerdings störte der Fußring das ästhetische Empfinden, sodass er zunächst unmittelbar unter der Sitzfläche angebracht war. Erst im Laufe der Zeit „wanderte“ er weiter nach unten. Am Sitz des Fußringes lässt sich also erkennen, ob es sich um eine ältere oder neuere Ausführung handelt.

Beide Stühle tragen die Thonet-Bezeichnung „Sessel Nr. 56“ und bestehen aus fast den gleichen Teilen in unterschiedlichen Varianten. Der Stuhl BWK-T 0040 ist der einzige unserer Sammlung mit Sperrholzrücken und -sitz sowie einem Lochmuster. Er ist nicht alltäglich. Der andere Stuhl ist ebenfalls eine Nr. 56 und kombiniert das Rückeninnenteil, das unter anderem auch bei dem Sessel Nr. 18 zu finden ist, mit einem Sitzgeflecht.

Dieser Stuhl gehört zu den wenigen Stücken unserer Sammlung, die nicht von Thonet produziert wurden. Gleichwohl ist er einer unserer wertvollsten Stühle.

Als sehr früher schichtverleimter Stuhl ähnelt er dem Sessel Nr. 14 und besitzt noch einen getischlerten Sitzring. Er zeigt exakt eine Entwicklungsstufe, die parallel auch bei Thonet stattfand, und ist deshalb so wichtig für die Ausstellung.

Der Sessel Nr. 14 ist wohl das bekannteste und am weitesten verbreitete Möbel aus dem Hause Thonet. Er wurde erstmals 1856 in der Fabrik Koritschan gefertigt und hat im Unterschied zu allen zuvor produzierten Stühlen einen runden Sitzring. Die Vorderbeine schließen ohne Kapitelle an und die Rückenlehne ist nicht mehr angeheftet, sondern verschraubt. Ab 1860/61 wurde der Fußring eingeführt, womit alle statischen Probleme gelöst waren.

Dieser Stuhl markiert den Übergang von der Serienproduktion zur Massenproduktion und damit Thonets Ankunft im Industriezeitalter. Mit Sessel Nr. 14 kann auch erstmals zu Recht von „Design“ gesprochen werden.

Dieses Podest ist bewusst mit Variationen des wohl berühmtesten Modells von Thonet belegt: Die beiden 14er (BWK-T 004 und BWK-T 0126) sind beide fast gleich alt, stammen beide aus dem Hause Thonet und unterscheiden sich dennoch völlig in ihrer Form. Der eine ist relativ einfach und streng gehalten, der andere ist viel stärker geschwungen und wirkt daher weicher. Der Grund hierfür liegt in unterschiedlichen Produktionsstätten, die jeweils ihre eigenen Biegeformen herstellten und somit leichte Abweichungen entstehen ließen.
(Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 197)

Canapé Nr. 16 und Sessel (oder Fauteuil) Nr. 16 kontrastieren mit ihrer schweren, aber repräsentativen Ausführung zu den sonst eher leicht anmutenden Entwürfen anderer Sitzmöbel des Hauses Thonet. Die Rückenform erinnert fast an gotische Kirchenfenster. Deshalb wurden sie intern auch „gothische“ Sessel genannt.
Mehr dazu auf der Seite der Thillmann-Collection