Thonet – Produktvielfalt

Produktvielfalt

Katalog 1886 – Seite Schaukler

In den 1880er Jahren erweiterten die Thonet-Fabriken sowohl die Palette angebotener Modelle als auch den Angebotsumfang innerhalb der einzelnen Modellserien, während gleichzeitig die Produktion insgesamt anstieg.

Im ersten bekannten Verkaufskatalog von 1883 sind auf insgesamt 21 Seiten 219 Modelle abgebildet. Die Reihe klassischer Typen wurde um neue Ensembles ergänzt und zugleich die Serie von Spezial-Sitzmöbeln bzw. Liegemöbeln erweitert. Hinzu kam eine ganze Palette neuer, dem privaten Gebrauch dienender Einrichtungsgegenstände wie Kinderwiegen, Blumentische, Betten, Waschtische, Kleiderständer, Spiegelrahmen und Gartenmöbel.

Bereits 1886 erschien ein zweiter, 1888 ein dritter Katalog der „Gebr. Thonet“. Letzterer enthält auf 30 Seiten 339 verschiedene Modelle.

Die Produktpalette reichte von Garnituren aus Stuhl, Armlehnsessel, Sitzbank, Tisch und Schaukelstühlen über Hocker (österr. Stockerl) und Kindermöbel bis zu Staffeleien, Betschemeln, Ankleidespiegeln, Schirm-, Noten- und Zeitungsständern, Ofenschirmen und Paravents.

Zu Thonets Kunden zählten neben Café-, Restaurant-, Hotel- und Theaterbesitzern Behörden und Verwaltungen, vor allem aber private Haushalte.

Kaffeehaus Daum, Wien

Sessel Nr. 4 gehört zu den früh in Serie produzierten Möbeln. Mit diesem Sessel wurde unter anderem das Hotel Zur Königin von England in Pest, heute Budapest, beliefert. Seit 1851 stattete Thonet das Wiener Kaffeehaus Daum am Kohlmarkt aus. Damit erweiterte er seinen Kundenkreis von privaten Kunden auf gewerbliche Großabnehmer. Bald ergänzten Tisch und Bank die Garnitur.

Sitzgelegenheiten in neuer Variationsbreite

Verkaufsplakat 1866

Die Modellübersicht der Pariser Thonet-Vertretung des Jahres 1866 übertraf das Angebot des ersten bekannten Verkaufsplakates von ca. 1860 um das Dreifache.

Neben der Ergänzung um die Modelle Nr. 16 und 17 wurden weitere Sitzbänke, Armlehnstühle, Tische, Klapp- und Faltmöbel, Drehstühle und Kindermöbel ins Programm aufgenommen.

Der Thonet’sche Kaminsessel (österr. Camin-Fauteuil), auf einfachste Art zusammenklappbar, entstand durch Reduktion des Bugholzprinzips auf wenige Elemente, die dennoch und trotz der Möglichkeit des Zusammenklappens eine äußerste Stabilität und eine erstaunliche Festigkeit ergeben.

Der Drehstuhl (österr. Drehfauteuil) wies bereits auf die später breite Palette Thonet’scher Büromöbel hin.

Kindermöbel wurden von der Firma bereits ab 1860 in großer Zahl angeboten.

Der kunstvolle Toilettentisch mit Spiegel deutet an, dass Thonet nicht bloß Sitzgelegenheiten aus Bugholz entwickelte, sondern auch andere Möbel und Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens gestaltete.

Die Pariser Weltausstellung 1867 war für die Firma Thonet ein weiterer großer Erfolg. Neben dem Serienangebot zeigte die Firma erstmals eine gepolsterte Salongarnitur und als besondere Attraktion einen von August Thonet entwickelten Demonstrationsstuhl. Die Jury zeichnete das Angebot mit einer Goldmedaille aus.

Kindermöbel

Ab 1860 begann Thonet, auch Kindermöbel herzustellen. Sie entsprechen in der Grundform den großen Modellen und haben die gleiche Qualität wie auch alle anderen Gebrauchsmöbel.

Büromöbel

Mit der Verstädterung und Industrialisierung stieg auch die Bürokratisierung, die den Bedarf an Büromöbeln, insbesondere Sitz- und Schreibmöbeln, wachsen ließ. Welche Anerkennung Thonet auf diesem Feld erfuhr, verdeutlicht die Beschriftung auf dem hier gezeigten Stuhl: „Benützt von SR. K.u.K. Apost. Majestät dem Kaiser Franz Josef I. gelegentlich des Fabrik Besuches in Bistritz 1/Host am 3. September 1897.“

Ausgefallenes Design

Die hier gezeigten Objekte entstammen durchweg dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als Thonet schon längst in der Massenproduktion angekommen war. Anschaulich belegen sie, dass ausgefallenes Design nicht zwangsläufig Luxusgütern zuzuordnen ist.

Der Entwurf des Sessels Nr. 51 wird August Thonet zugeschrieben, allerdings ohne dass es Beweise dafür gibt. Mit seiner konstruktiven Genialität steht der Sessel außerhalb des sonstigen Thonet’schen Firmenrepertoires und wird als über seine Zeit weit hinausweisend angesehen. Kennzeichnend ist, dass hier aufgrund formaler Konstruktionsmerkmale eine so hohe Stabilität erreicht wird, dass auf den Fußring verzichtet werden kann.

Der Rauchersessel wird rittlings benutzt. Dabei stützt das gepolsterte Armbrett die Arme ab. Darunter sind schwenkbare Holzschalen befestigt, auf, auf denen Wein- oder Biergläser und Aschenbecher abgestellt werden können. 
Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 310

Kaminmöbel

Diese seltene und wertvolle Gruppe Kaminmöbel gehört zu den elegantesten und bequemsten Modellen aus der Thonet’schen Produktion. Sie belegt in überzeugender Weise, wie konsequent Thonet nach der Maxime „Die Form entwickelt sich aus der Funktion (Form follows function)“ arbeitete.
Albrecht Bangert und Peter Ellenberg, Thonet-Möbel. Bugholz-Klassiker von 1830–1930. München 1993, S. 80

Thonet in der Kunst

Immer wieder werden Thonets Möbel und Designs zur Inspiration für Künstler und Gestalter. Aber auch die Familie selbst war der Kunst äußerst zugetan. So werden beispielsweise August Thonet sehr ausgefallene Designs zugeschrieben, daneben komponierte er auch.

Schaukel- und Liegemöbel

Neben dem klassischen Caféhausstuhl prägte der Schaukelfauteuil den weltweiten Ruf Thonets. Beide wurden zum Inbegriff der innovativen Bugholztechnik. Trotz Großserienproduktion vermitteln diese variantenreich hergestellten Stühle Behaglichkeit und Wärme. Keinem anderen Industrieprodukt für den häuslichen Bereich gelang es, in so hohem Maße Bestandteil der Wohnkultur im 19. und 20. Jahrhundert zu werden. 
Albrecht Bangert und Peter Ellenberg, Thonet-Möbel. Bugholz-Klassiker von 18301930. München 1993, S. 74

Einzelobjekte

Alle Einzelobjekte im Überblick

Toiletten-Spiegel Nr. 1, um 1880

Die Firma Thonet stellte zwei Ausführungen des Toilettenspiegels her: die hier gezeigte Nr. 1, die ab 1865/66 hergestellt wurde, und die Nr. 2, die etwa ab 1885 produziert wurde. Hierbei wurde das Untergestell des Blumentischs Nr. 1 verwendet. Die Aufsätze links und rechts nahmen Kerzen auf und konnten den Spiegel so beleuchten. Die drei Ablagen sind hohl und durch einen Deckel verschlossen. Sie dienten der Aufbewahrung der Accessoires.
Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 304

Schaukelsofa Nr. 7500

Das Schaukelsofa Nr. 7500 mit und ohne Armlehne gehört zu den elegantesten Entwicklungen im Bereich der Bugholzmöbel. Es wurde zunächst ohne, ab 1876 auch mit Armlehne hergestellt und auf einer Illustration für die Weltausstellung in Philadelphia gezeigt. Vermutlich handelt es sich um einen Entwurf von August Thonet. Nach 1879 wurde das Modell ohne Armlehne nicht mehr angeboten.

Unter Kennern gilt dieses Schaukelsofa als der genialste, an Bequemlichkeit und Eleganz nicht zu übertreffende Entwurf aus dem Hause Thonet. Die Leichtigkeit der geschwungenen Seitenelemente vermittelt schon beim Anblick etwas von dem beschwingt-wiegenden Gefühl, das der Benutzer erlebt.

Das Schaukelsofa wurde nur in vergleichsweise geringer Stückzahl produziert, die Serienherstellung 1914 eingestellt und ein letztes Stück 1921 gefertigt. Während in allen Thonet-Fabriken von 1861 bis 1914 etwa 693.000 Stück an Schaukelstühlen hergestellt wurden, belief sich die Gesamtzahl der produzierten Schaukelsofas nur auf 8.000 Exemplare. Dies erklärt, warum sie heute zu den gefragtesten Sammlerstücken gehören.
Albrecht Bangert und Peter Ellenberg, Thonet-Möbel. Bugholz-Klassiker von 18301930. München 1993, S. 100Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 311

Ankleidespiegel „Psyche“

Der Ankleidespiegel „Psyche“ wurde mit und ohne Untergestell angeboten. Auch die Lieferung ohne Glas war möglich, damit der Kunde es mit individuellem Schliff bei einem Glaser bestellen konnte.

Dieses Stück steht einerseits für die Vorliebe des Historismus, reich verzierte, ornamentale Formen zu verwenden, andererseits zeigt es eindrucksvoll die Möglichkeiten, Holz zu biegen.

Während die Massenproduktion die wesentliche Einnahmequelle der Firma Thonet ausmachte, wurde mit derartigen Möbeln der Bedarf der bürgerlichen Mittelschichten bedient.
Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 305

Puppenmöbel

Alle Puppenmöbel im Überblick 

Puppenmöbel Fauteuil Nr. 1, um 1900

Als erste Produkte im Bereich Puppenmöbel wurden Fauteuil, Canapé, Schaukler, Tisch mit geflochtener Platte und eine Wiege im Thonet-Verkaufskatalog von 1886 angeboten. Ab Mai 1888 folgte eine zweite Serie, deren Lehnen wie bei Canapé Nr. 2 mit senkrecht verlaufenden Innenstäben die Gestaltung des Sessels Nr. 56 erhielten. Diese Möbel sind mit einem Maßstab von 1:12 etwas größer als die Puppenmöbel der ersten Serie.
Wolfgang Thillmann und Bernd Willscheid, Möbel-Design. Roentgen, Thonet und die Moderne. Berlin/Bonn 2011, S. 307

Ausblick in das 20. Jahrhundert

Le Chateau d’eau und Plaza, mit Palais de l’Electricité, Exposition Universelle, 1900, Paris

Auf der im Jahr 1900 in Paris stattfindenden Weltausstellung stellten sowohl die Gebrüder Thonet als auch deren größter Konkurrent, die Firma Jacob und Josef Kohn, aus. 

Bei Kohn ging man früher als bei Thonet dazu über, für die Entwürfe namhafte Architekten des Jugendstils zu verpflichten. Fortan bot Kohn nicht mehr nur anonym gestaltete Massenartikel, sondern von Künstlern entworfene Möbel an. Die von den Architekten der Wiener Werkstätten Adolf Loos, Gustav Siegel, Otto Wagner, Josef Hoffmann und Koloman Moser entworfenen Bugholzmöbel fanden sich auch in deren Gebäuden wieder.

Thonet ließ erst seit 1905 neue Stuhltypen von Architekten entwickeln. Marcel Kammerer, ein Schüler Otto Wagners, gestaltete 1909 das Mobiliar für den Erweiterungsbau des Grazer Hotels Wiesler.

Seit 1928 produzierte Thonet Modelle auch aus gebogenem Stahlrohr. Die Entwürfe stammten unter anderem von Mart Stam, Le Corbusier, Mies van der Rohe und Marcel Breuer, den Architekten des Bauhauses. Der freischwingende Stahlrohrstuhl wurde zum Klassiker einer neuen Zeit. Er verkörperte Funktionalität, Transparenz und Leichtigkeit. Damit setzte der Freischwinger die von der Avantgarde geforderten Prinzipien des Neuen Bauens auf die wohl prägnanteste Weise um.