Thonet

Thonet und Modernität

Michael Thonet und seine Söhne, aufgenommen gegen Ende der 1850er Jahre

Wahrscheinlich wäre Michael Thonet, hätte er sein Geschäftsglück nicht fernab der Heimat versucht, tatsächlich arm geblieben.

Michael Thonet

Michael Thonet (* 2. Juli 1796 in Boppard, † 3. März 1871 in Wien)

Zu seinem Erfolg haben viele Faktoren beigetragen, die im Mittelrheintal so sicherlich nicht zum Tragen gekommen wären.

Zunächst einmal verstand Thonet es dank seines Erfindergeistes, für seine Möbel Techniken nutzbar zu machen, die weit außerhalb seines erlernten Berufes lagen. Zugleich gelang es ihm und seinen Söhnen, die Produktion von handwerklicher Einzelfertigung über Serienfertigung auf Massenherstellung umzustellen. Dabei griff er in aller Regel nicht auf das am Markt erhältliche Angebot der Maschinenhersteller zurück, sondern entwickelte, konstruierte und optimierte seine Hilfsmittel und Maschinen selbst.

Zudem wurde er von dem österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich protegiert und nach Wien eingeladen, wo ihn der Architekt Peter Hubert Desvignes beauftragte, für das Palais Liechtenstein Möbel herzustellen. Er drängte Thonet auch, seine Produkte auf den verschiedenen Weltausstellungen zu präsentieren.

Verkaufsplakat 1873

Verkaufsplakat 1873

Derweil erschloss vor allem sein ältester Sohn Franz neue Märkte. Er bereiste nicht nur europäische Länder und baute dort ein Filialnetz auf, sondern gründete bereits 1873 in New York die erste US-amerikanische Niederlassung. Er berichtete nach Hause, welche Vorlieben und Bedarfe diese regionalen Märkte hatten, woraufhin ein Teil der Produktion darauf ausgerichtet wurde.

Dies alles gelang aber nur, weil durch die Eisenbahn und die moderne Schifffahrt die Transportzeiten deutlich verkürzt wurden.

Das Verfahren der Bugholzproduktion barg diesbezüglich einen weiteren Vorteil: Die vorgefertigten Einzelteile konnten nach dem sorgfältigen Zusammenbau wieder demontiert, verpackt und so an ihren Bestimmungsort verschickt werden. Der endgültige Zusammenbau erfolgte dort, wo die Möbel gebraucht wurden. Zu diesem Zweck entwickelte Thonet Versandkisten, die beispielsweise schon bei einem Kubikmeter Rauminhalt Platz für 36 demontierte Sessel Nr. 14 boten.

Schließlich kam Thonet zugute, dass sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein Bürgertum herausbildete, das wir heute als bürgerliche Mitte bezeichnen würden. Diese soziale Gruppe stellte neben Großabnehmern ein wichtiges Marktsegment dar.

Thonet in Boppard (1796 - 1842)

Von Michael Thonet in Boppard angefertige Möbel

Michael Thonet wurde am 2. Juli 1796 als Sohn des aus Andernach stammenden Gerbers und Tischlers Franz Anton Thonet in Boppard geboren. 

Im Jahr 1819 übernahm er die Tischlerei seines Vaters und heiratete im April des folgenden Jahres die Metzgerstochter Anna Maria Grahs. Aus dieser Ehe gingen 13 in Boppard geborene Kinder hervor. Zunächst wohnten Thonets im sogenannten Balz, an einem kleinen Platz zwischen Stein- und Pützgasse. Vor 1833 zog die Familie in ein großzügigeres Anwesen in der Franziskanergasse um.

Thonets Werkstatt expandierte. Bereits im September 1837 erwarb er gemeinsam mit dem Apotheker Genius die sogenannte Michelsmühle. Dort betrieb er von Dezember 1838 bis September 1841 eine Leimsiederei. Er selbst wurde 1841 in der Liste der höchstbesteuerten Bürger Boppards geführt. Seine im August desselben Jahres bei einer Koblenzer Gewerbeausstellung präsentierten Möbel begeisterten auch den österreichischen Staatskanzler Fürst Metternich, der ihn auf sein Schloss Johannisberg einlud. Im März 1842 suchte Thonet per Annonce fünf bis sechs Tischlergesellen für seine „Fabrik gepresster Möbel“. Im September 1842 soll er „ca. 20 bis 25 Arbeiter“ beschäftigt haben. In diesem Monat präsentierte er Möbel auf der Gewerbeausstellung in Mainz.

Verschiedene seit 1838 bei Bopparder und Koblenzer Notaren gezeichnete Obligationen weisen auf finanzielle Schwierigkeiten hin. Als Erfinder eines Verfahrens, aus in Leim gekochten und in Biegeformen gebogenen Furnierstreifen Möbel zu fertigen, reichte er 1840 erfolglos einen Patentantrag ein. Auch der Versuch, ausländische Patente zu erwerben und damit Schulden abzutragen, schlug fehl. Deshalb nahm er im Frühjahr 1842 das Angebot Metternichs an, bei Hofe in Wien vorstellig zu werden. Während seiner Abwesenheit versah sein ältester Sohn Franz die Geschäfte in Boppard. Er organisierte 1843 die Versteigerung des väterlichen Immobilienvermögens, beglich mit den erlösten 1 246 Talern einen Teil der väterlichen Schulden und reiste ebenfalls nach Wien ab.

Bopparder Stuhl

Bopparder Stuhl, hergestellt zwischen 1836 und 1840 in Boppard. Beispiel der frühesten Entwicklungsstufe des Holzbiegens.

Biedermeierstuhl aus schichtverleimtem Bugholz und Nussbaumfurnier mit gepolsterter Sitzfläche. Die fünf Schichten der Seitenrahmen haben, je nach statischer Anforderung, unterschiedliche Dicken.

Neubeginn in Wien (1842‑1850)

Thonet-Stühle im Palais Liechtenstein in Wien

Als Thonet 1841 den österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich auf Schloss Johannisberg im Rheingau besuchte, riet ihm dieser, in Wien eine neue Existenz zu begründen. „In Boppard bleiben Sie immer ein armer Mann“, sollen seine Worte gewesen sein.

Nach seinem erfolgreichen Antrittsbesuch am kaiserlichen Hofe präsentierte Thonet dem Niederösterreichischen Gewerbeverein das Schichtleimverfahren. Am 16. Juli 1842 erhielt er das österreichische Privileg, „jede, auch selbst die sprödeste Gattung Holz auf chemisch-mechanischem Wege in beliebige Formen und Schweifungen zu biegen“. Die vorerst in Boppard verbliebene Familie folgte dem Vater im Herbst des Jahres nach Wien.

Zunächst arbeiteten Michael Thonet und seine Söhne bei dem Wiener Möbelfabrikanten Clemens List. Über ihn bekamen sie Kontakt zu dem englischen Architekten Peter Hubert Desvignes, der mit einer Neugestaltung des Palais Liechtenstein betraut war. Da der Wiener Tischler und Parkettfabrikant Carl Leistler bereits den Generalvertrag für Möbel und Fußböden innehatte, arbeiteten Thonets als dessen Subunternehmer. Sie stellten aufwendige Parkettböden und eine Reihe verschiedener Sitzmöbel im Stil des „Zweiten Rokoko“ her. Mit diesen Modellen, die aus dreidimensional verwundenen und miteinander verleimten Stabbündeln bestehen, gelang Thonet eine sehr elegante und grazile Linienführung.

Cafe Daum

Cafe Daum in Wien

1849 eröffnete Thonet in Gumpendorf bei Wien eine eigene Werkstatt, in der neben Möbeln auch Parkette hergestellt wurden. Von hoher Eleganz war und ist der 1849 für das Palais Schwarzenberg geschaffene Stuhl, der später als Nr. 1 in Serie produziert wurde. Er ist eine vereinfachte Version des Liechtensteiner Stuhls. Hinterbeine, Rückenbogen und -motive bilden nun nicht mehr eine Linie, sondern die große Schlaufe des Schwarzenberger Stuhls wird als eigenes Motiv in den Rücken eingesetzt. Etwa zur selben Zeit entwickelte Thonet den Prototyp des Sessels Nr. 4, mit dem er 1851 das Café Daum am Kohlmarkt ausstattete. Mit diesem Modell erschloss er sich den Kundenkreis der gewerblichen Großabnehmer.

Handwerkliche Fertigung und Experimentierphase in Schichtholz (1850 - 1860)

Kontruktionszeichnung Biegeformen

Im Juli 1852 reichte Michael Thonet im Namen seiner fünf Söhne ein Gesuch um Privilegierung seines Bugholzverfahrens ein. Das Prinzip, „dem Holze durch Zerschneiden und Wiederzusammenleimen jede beliebige Biegung und Form zu geben“, fand aber keine Anerkennung.

Noch im selben Jahr eröffnete er in Wien die erste Verkaufsniederlassung. Bereits im Frühjahr 1853 verlegte er aufgrund der guten Auftragslage seine Werkstatt in die Mollardmühle. Hier beschäftigte er insgesamt 42 Arbeiter, darunter neun Tischler, einen Drechsler, acht Furnierschneider, zwei Leimer, acht Raspler, zwei Beizer, zehn Polierer und zwei Arbeiter, die die Möbelteile zusammenschraubten. Am Jahresende trieb eine vier PS starke Dampfmaschine die Bandsägen und Drehbänke an. Die neue Werkstatt stellte eine Mischform von Handwerksbetrieb und Fabrik dar. Am 1. November 1853 erfolgte die Gründung der Firma Gebrüder Thonet. Michael Thonet übertrug das Geschäft auf seine fünf Söhne, behielt sich jedoch die Gesamtleitung und die Vertretung seines jüngsten Sohnes Jakob vor.

In den folgenden Jahren präsentierte die junge Firma ihre Produkte in München und auf der Pariser Weltausstellung. Die ersten Aufträge aus Übersee gingen ein. Da die gefragten Stücke in tropischen Klimazonen erhöhter Luftfeuchtigkeit ausgesetzt waren, verlor der Leim an Bindekraft, sodass einige Stücke sprichwörtlich aus dem Leim gingen.

Nach vielem Experimentieren glückte 1856 der Versuch, massive Hölzer zu biegen: Lange abgerundete Buchenstäbe wurden um sie biegbar zu machen zunächst in Dampföfen für einige Stunden heißem Wasserdampf ausgesetzt. Anschließend brachte man an der beim Biegen außen liegenden Seite einen Blechstreifen an, um ein Aufsplittern zu vermeiden. Dann spannte man die Holzteile in eiserne Biegeformen. Dieses geniale wie einfache Verfahren ließ Thonet sich im selben Jahr patentieren. Es führte zum industriellen Durchbruch.

Bildergalerie von Halbzeugen mit Biegeformen

Produktion und Produktionsschritte

Produktionshalle Thonet

Die Arbeitsorganisation in den neuen Fabriken entsprach Thonets Anspruch eines präzise organisierten Prozesses von den Sägewerken über diverse Biegestationen bis zu Montage und Verpackung. 

Die schweren Arbeiten erledigten Männer, die leichteren jugendliche Hilfsarbeiter und Frauen zum halben Lohn. Das Rohrflechten wurde wenig später, da besonders arbeitsintensiv, an Heimarbeiter vergeben.

Bildergalerie von Aufnahmen aus den Thonet-Werken

Die Ausgangsbasis jedes Stuhlteiles ist ein in Wuchsrichtung geschnittenes astfreies Vierkantholz. Auf der Drehbank wird es entweder in gleichmäßiger Stärke oder mit leichten Verdickungen zu Rundholz abgedreht. Danach legt man es in den Dampfofen und setzt es, je nach Dicke, ein bis zwei Stunden dem heißen Wasserdampf aus. An der künftigen Außenfläche des Werkstückes wird ein Blechstreifen befestigt, der das Aufsplittern verhindert. Anschließend wird das Holz in einer gusseisernen Form gebogen.

Bis auf wenige Ausnahmen erfolgte das Biegen der einzelnen Möbelteile von Hand. Nur Teile von einfacher Form oder mit größerem Querschnittsdurchmesser, wie Sitzringe, Sitzschlussbacken, Fußreifen oder Tischfüße, wurden auf Maschinen gebogen.